Wirtschaftsförderung 2.0 ist ein neues, innovatives Managementkonzept, das den Anforderungen der Internationalisierung der Wirtschaft und deren Wandel zur kreativen Wissensökonomie Rechnung trägt. Die Stärke der Wirtschaftsförderung 2.0 ist die Koordination dieses Inputs, der die kollektive Intelligenz der Akteure so nutzt, dass sich die Beiträge aller Akteure gegenseitig verstärken. So wird die Wirtschaftsförderung innovationsfreudiger, flexibler und schlagkräftiger.
Konzentration auf Wirtschaftsförderung, um Einnahmen zu generieren
Über die Wirtschaftskrise wird bereits jetzt oft in der Vergangenheitsform geredet. Aus Sicht manches Unternehmens mag der tiefe Einbruch des Bruttoinlandsprodukts im letzten Jahr bereits jetzt überstanden sein. Für die Kommunen sind die Einbrüche jedoch nach wie vor stark zu spüren. Die stark zyklischen Gewerbesteuereinnahmen sind in einigen Regionen um bis zu 60 Prozent im Jahr 2010 eingebrochen.
Wie an der Gewerbesteuer erkennbar wird, ist für die Handlungsfähigkeit einer Kommune die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der ansässigen Unternehmen entscheidend – gerade aufgrund der Abhängigkeit von der Gewerbesteuer. Deshalb ist die Förderung der lokalen Wirtschaft eine der besonders wichtigen kommunalen Aufgaben. Genau diese Aufgabe können die Kommunen in Zukunft selbstbewusster angehen, weil sie mit Instrumenten aus dem Web 2.0 die Wirtschaftsförderung moderner und zeitgemäßer ausrichten und so noch erfolgreicher sein können.
Wirtschaftsförderung ist Netzwerkmanagement
Erfahrene kommunale Entscheider wissen, dass Wirtschaftsförderung eine besonders kommunikative Aufgabe ist, die sehr viel mit dem Management von heterogenen Netzwerken zwischen Wirtschaft, Verwaltung, Politik und Bildungseinrichtungen zusammenhängt. Gerade bei diesen kommunikativen und vernetzenden Aufgaben können moderne Technologien aus dem Internet – dem größten aller Netzwerke – die Kommunen entscheidend unterstützen.
Ein Einsatzgebiet für diese modernen Netzwerktechnologien – auch Web 2.0 genannt – ist bei der Ansiedlungsförderung anzusiedeln. Web 2.0 ermöglicht es, dass Informationen zur Wirtschaftsstruktur und den Entwicklungsmöglichkeiten in einer Region nicht mehr nur von der Behörde kommen. Mit Web 2.0 kann vielmehr eine Wissensplattform gestaltet werden, die von Unternehmen und der Behörde gemeinsam mit Informationen befüllt wird. Unternehmen, die in der Region investieren wollen, erhalten so nicht nur „neutrale“ Informationen der Behörde, sondern können sich auch über die Erfahrungen anderer Unternehmen der Region informieren. Damit erschließt die Wirtschaftsförderung mit der Nutzung der Web-2.0-Technologie das Wissen und die Arbeitsleistung der Unternehmen für die Wirtschaftsförderung. Die Unternehmen unterstützen auf diese Weise unentgeltlich die Kommunen in einem Teilbereich.
Wirtschaftsförderung 2.0 erschließt unentgeltliche Ressourcen für die Wirtschaftsförderung
Doch warum sollten sich Unternehmen für Wirtschaftsförderung als Verwaltungsaufgabe überhaupt interessieren – und darauf Zeit und Wissen investieren? Ein erster Grund könnte sein, dass es in ihrem eigenen Interesse liegt, ihr Unternehmen in einem prosperierenden Umfeld zu betreiben. Der zweite, wichtigere Grund, ist jedoch, dass es Web 2.0 den Unternehmen so einfach macht, sich an der Wirtschaftsförderung zu beteiligen, dass sich viele daran beteiligen werden. Das eigentlich Neue am Web 2.0 besteht nämlich darin, dass es einzelnen Internetbenutzern ermöglicht wird, auf sehr einfache Weise Inhalte im Internet zu erstellen und zu gestalten. Die Schwelle für die Mitgestaltung bzw. den Rückkanal liegt dabei so niedrig, dass Nutzer sich sogar als unentgeltliche Informationslieferanten an der Erstellung von Internetangeboten beteiligen („User Generated Content“). In der Wirtschaftsförderung können so Menschen, Unternehmen und Behörden zusammenarbeiten und Werte schaffen.
Wie das funktionieren kann demonstriert die Firma Google. Mit dem Zukauf der Firma ReCaptcha erschließt Google mit Nutzung des Web 2.0 massive Synergiepotenziale für Geschäftsprozesse und zeigt ungeahnte, noch unerschlossene Produktivitätsreserven auf. „Captchas“ sind die häufig anzutreffenden „tanzenden Buchstaben“ bei Webanmeldungen auf Websites. Bei der Anmeldung wird der Benutzer häufig zum Abschreiben eines etwas kryptischen Codes aufgefordert, der zudem etwas verfälscht und unklar dargestellt wird. Diese Codes sind deshalb manchmal so schwer zu lesen, weil sie fehlerhaft digitalisierte Teile des Google-Buch-Scans darstellen. Google nutzt damit die Lesefähigkeiten der Webnutzer bei der Eingabe der kryptischen Codes beim Anmelden im Web für die Entschlüsselung maschinell nicht entschlüsselbarer Zeichenketten und baut sie anschließend in ihre Buch-Scans ein. Wollte Google das mit eigenem Personal machen, wären hunderte Digitalisierer notwendig. Durch das neue Web-2.0-Konzept werden normale Internetnutzer ohne eigenen Nachteil instrumentalisiert und Google erhält die Informationen - quasi kostenfrei. Dieses Beispiel verdeutlicht, welche Mehrwerte durch eine Nutzung von Web 2.0 erschlossen werden können. Die Möglichkeiten – bei aller gebotenen ethischen Vorsicht – der Nutzung von Web 2.0 in Geschäftsabläufen und -prozessen steht gerade erst am Anfang der Entwicklung.
Wirtschaftsförderung 2.0 ist Netzwerkmanagement in einer grenzenlosen Kommune
Dies ist nur ein Beispiel dafür, wie es Web 2.0 ermöglicht, durch Informationsaustausch Grenzen von Organisationen – hier Google und Webnutzern oder im Beispiel der Wissensplattform Behörden und Unternehmen – zu überwinden und so für alle Organisationen Mehrwerte zu schaffen. Im Umfeld der Verwaltung verschwinden mit der Nutzung von Web 2.0 tatsächlich die Grenzen zwischen der Behörde als Informationserbringer und dem Unternehmen als Informationsempfänger völlig. Verwaltung und Unternehmen sind nicht mehr strikt getrennte Strukturen. Durch die Kombination ihres einzelnen Wissens, das bisher innerhalb der Grenzen der Unternehmen und Behörden „gefangen“ war, ermöglicht Web 2.0 nun durch die Auflösung der Grenzen der Verwaltung, dass Wissen kombiniert wird – und so Mehrwerte für alle geschaffen werden. Die Anwendung der Möglichkeiten von Web 2.0 auf die Wirtschaftsförderung – in einem Wort: Wirtschaftsförderung 2.0 – macht damit nicht nur Unternehmen und Verwaltung zu echten, gleichberechtigten Partnern. Durch die Möglichkeit, gemeinsam auf einer Plattform zu arbeiten, fördern sie gemeinsam im Netzwerk die lokale Wirtschaft z. B. durch die Bereitstellung besserer Informationen.
Wirtschaftsförderung 2.0 kann Kommunen aus der Krise helfen
Wirtschaftsförderung 2.0 ermöglicht es damit im Kern für die Wirtschaftsförderung bisher unerschlossene Potenziale für die Kommune zu erschließen. Dies kann das Erschließen von spezifischem lokalem Wissen von Unternehmen für die Wirtschaftsförderung sein, das Einschließen von Forschungsknow-how oder das Einschließen der Lese- oder Korrekturfähigkeiten von einzelnen Personen. Darüber hinaus ermöglicht Wirtschaftsförderung 2.0 ebenfalls eine gleichberechtigte Koordination von Akteuren in der Wirtschaftsförderung. Damit können lokale Wissens- und Know-how-Träger eingebunden werden, die bisher aufgrund der Grenzen der Organisationen nicht eingebunden werden konnten.
Wirtschaftsförderung 2.0 ist damit ein Konzept, das gerade für Kommunen in Zeiten wirtschaftlich klammer Kommunen eine große Hilfestellung sein kann, weil Ressourcen – wie bei Google oder der Wissensplattform – unentgeltlich erschließbar werden. Darüber hinaus gewinnt die kommunale Wirtschaftsförderung mit Wirtschaftsförderung 2.0 insgesamt an Durchschlagskraft, weil auch die Unternehmer der Kommune für die Wirtschaftsförderung aktiviert werden. Damit ist Wirtschaftsförderung 2.0 eine Antwort auf die Auswirkungen der Wirtschaftskrise für die kommunalen Finanzen - und kann damit den klammen kommunalen Finanzen zu einem Befreiungsschlag verhelfen.
Auf der Website www.wirtschaftsfoerderung20.de sind weitere Beispiele und ein Buch als PDF zu diesem Thema herunterladbar.
Zu den Autoren:
Andreas Huber ist Experte für Strategie- und Organisationsberatung und hat sich dort unter anderem auf Wirtschaftsförderung und Regionalisierungs- bzw. Aushandlungsverfahren interkommunaler Zusammenarbeit oder neue Formen der Kooperation spezialisiert. Als Managementberater hat er vor Kurzem eine wirtschaftspolitische Strategie eines Bundeslandes unter Einbindung der entsprechenden Branchenakteure und Web-2.0-Elemente erarbeitet. Herr Huber ist Diplom-Ingenieur und Mitglied der Geschäftsleitung bei der Beratungsfirma Public One Governance Consulting.
Holger Kindler ist Experte im Bereich Wirtschaftspolitik und IT-Strategie im öffentlichen Sektor. Er hat unter anderem das Bundesministerium des Innern bei der Definition einer Strategie zur strategischen Nutzung von Web 2.0 in der Politik und öffentlichen Verwaltung in Deutschland begleitet. Darüber hinaus ist er auf Managementberatung und Wirtschaftspolitik im europäischen und internationalen Kontext sowie Strategisches Marketing spezialisiert. Herr Kindler hat den interdisziplinären Studiengang „Master of Public Policy“ mit der Vertiefungsrichtung Politikwissenschaften und Volkswirtschaftslehre abgeschlossen. Er ist seit 2009 Berater bei Public One.