Die neuen Richtlinien für freihändige Vergabe bringen auch größere Herausforderungen und eine höhere Verantwortung für die öffentlichen Vergabestellen mit sich. Aktuell werden Stimmen laut, die fordern, dass genauer dargelegt wird, wer durch die geänderten öffentlichen Vergabepraktiken von den zusätzlichen Steuermilliarden des Konjunkturpakets II profitiert. Denn damit das Paket möglichst schnell greifen kann, wurden bisher strenge Vergaberichtlinien aufgeweicht. Die Folge: kürzere Entscheidungswege und eine Anhebung der Freigrenze für die sogenannte „freihändige Vergabe“, das heißt für die Auftragserteilung ohne vorherige öffentliche Ausschreibung mit transparentem Bieterverfahren. Bis zu 100.000 Euro können so ohne Bieterwettbewerb beauftragt werden – ein Verfahren, das auch die öffentlichen Vergabestellen nicht unkritisch sehen.
Neue Risiken und die Finanzkrise: Viele Unternehmen sind durch schlechte Auftragslagen und einbrechende Umsätze von der Insolvenz bedroht. Öffentliche Aufträge könnten vielen als ein letzter rettender Strohhalm erscheinen – den sie unter Umständen mit sich reißen. Es stellt sich die Frage, wie gut die öffentliche Hand gewappnet ist, um diesen Risiken entgegenzusteuern und das Ausfallrisiko ihrer Lieferanten zu erkennen.
Transparenz ist wichtig. Das fordern auch die Experten. Doch nicht überall ist sie in ausreichendem Maße vorhanden. In der Befragung von D&B Deutschland bewerteten die Experten die Transparenz in der öffentlichen Beschaffung bei der Auftragsvergabe durch öffentliche Ausschreibung und der Erteilung von Aufträgen durch freihändige Vergabe deutlich unterschiedlich. Gelobt wurde die öffentliche Ausschreibung, 73 Prozent der Befragten geben an, dass sie den Auftragnehmern eine hohe Transparenz bei ihren Entscheidungen bietet. Im Gegensatz dazu bewerteten ganze 86,67 Prozent die freihändige Vergabe als mangelhaft. Sie gäbe nur wenig Einblick in die Kriterien, nach denen Lieferanten und Dienstleister ausgewählt werden. Dass die Gefahr von Lieferantenausfällen im Zuge der Finanzkrise gestiegen ist, wurde von 93,33 Prozent der Experten bestätigt. Auch der Aufschwung wird die Gefahr nicht grundlegend mindern. Wie ist jedoch die öffentliche Beschaffung auf diese Situation vorbereitet und wie professionell werden Risiken gemanagt? Auch bei dieser Frage zeigte sich die Mehrzahl der Interviewten einig: Fast 90 Prozent gaben an, dass die Qualität des Risikomanagements in der öffentlichen Beschaffung eher niedrig sei.
Öffentliche Vergabestellen könnten von den Erfahrungen der Wirtschaft profitieren: Dem vorherigen Urteil entsprechend sah die große Mehrzahl der Experten deutlichen Handlungsbedarf für die öffentliche Hand, ihr Risikomanagement zu verbessern. Positiv wurde dabei die Perspektive beurteilt, bei der zukünftigen Entwicklung des Risikomanagements in der Beschaffung die öffentliche Hand von den Erfahrungen der Wirtschaft profitieren zu lassen. Im strategischen Einkauf vieler Unternehmen hat in den letzten Jahren das Risikomanagement einen festen Platz eingenommen. Viele Unternehmen arbeiten gerade unter den verschärften Risikobedingungen der Finanzkrise daran, es weiter zu professionalisieren. Diese Erfahrungen auf die Beschaffungsstrategien der öffentlichen Hand zu übertragen könnte helfen, die Beschaffung im gegenwärtigen wirtschaftlichen Umfeld transparenter, nachhaltiger und erfolgreicher zu gestalten.

