Integrating the Healthcare Enterprise (IHE) ist eine internationale Initiative mit dem Ziel, die Interoperabilität von IT-Systemen im Gesundheitsbereich zu verbessern. Die Initiative ist seit etwa zehn Jahren in Deutschland und Europa aktiv. Ein guter Zeitpunkt um eine Zwischenbilanz zu ziehen und Erfolgsbeispiele aufzuzeigen.
IHE zeichnet sich durch einen sehr pragmatischen Ansatz aus: Die Initiative selbst erstellt keine Standards. Im Rahmen von IHE definieren Anwender und Hersteller der IT-Systeme gemeinsam so genannte Integrationsprofile, die konkrete Arbeitsabläufe beschreiben. Daraus werden technische Anforderungen an einzelne Systeme abgeleitet und auf der Basis branchenüblicher Standards und Normen als technische Spezifikation beschrieben. IHE definiert also eine Umsetzungsbeschreibung für bestimmte Standards und Normen und verzichtet darauf neue, eigene Standards zu entwickeln. Der Vorteil besteht darin, dass existierende Produkte schnell mit IHE-Integrationsprofilen in Einklang gebracht werden können und auch bereits beim Anwender installierte Systeme durch gezielte Upgrades interoperabel gemacht werden können. Das Ziel von IHE ist die Interoperabilität von IT-Systemen im Gesundheitswesen über System- und Abteilungsgrenzen hinweg. Dieser pragmatische Ansatz ist zugleich aber der Grund warum IHE außerhalb von Expertenkreisen nur wenig bekannt ist.
Viele IT-Systeme für die Gesundheitswirtschaft erfüllen die Anforderungen von IHE-Integrationsprofilen und haben dies auch bei europaweiten Interoperabilitätstests, dem so genannten "Connectathon" bewiesen. Das 10. European IHE Connectathon hat gerade im April 2010 in Frankreich stattgefunden. Über 300 Entwickler aus mehr als 70 Unternehmen haben über 100 IT-Systeme auf Interoperabilität getestet. Dabei geht es nicht um die bloße Zertifizierung einer Schnittstelle sondern um das erfolgreiche Absolvieren eines kompletten IT-unterstützten Arbeitsablaufes mit allen beteiligten Systemen und unter Alltagsbedingungen.
Alleine diese Zahlen zeigen, dass IHE ein erfolgreiches Beispiel für die Verbesserung des Informationsaustausches im Gesundheitssystem ist. In vielen Bereichen ermöglicht IHE heute den Informationsaustausch sowohl innerhalb als auch zwischen Abteilungen ohne Medienbrüche. Damit werden Fehlerquellen ausgeschaltet, Verzögerungen im Arbeitsablauf verhindert sowie der Ressourceneinsatz und die Qualität der medizinischen Versorgung verbessert. Vieles davon geschieht aber im Verborgenen. Das ein KIS Daten mit spezialisierten IT-Systemen auf Abteilungsebene austauscht, ist sicher eine weit verbreitet Forderung. Wenn dies aber tatsächlich möglich ist, wird das nicht als Erfolg von IHE sondern als Erfüllung einer erwarteten Funktionalität wahrgenommen. Neben der technischen Seite hat IHE deshalb auch eine Anwendungsseite, die bisher weniger stark entwickelt ist. Dies gilt gerade in Deutschland, wo bisher andere IT-Themen die Aufmerksamkeit der Anwender beansprucht haben. IHE-Integrationsprofile können auch als Blaupause für die Organisation der eigenen IT-Umgebung und die Auswahl geeigneter Anbieter genutzt werden. Alle IHE-Integrationsprofile sind ebenso wie die Ergebnisse des IHE Connectathon öffentlich zugänglich. Anwender von IT-Systemen im deutschen Gesundheitssystem sollten diese Informationen aktiv prüfen und entscheiden, ob die Vorschläge im eigenen Gesundheitsunternehmen umgesetzt werden können. IHE-Integrationsprofile zum Teil der Ausschreibungsunterlagen zu machen ist dabei nur der erste Schritt. Die Umsetzung im eigenen Gesundheitsunternehmen muss geplant und sorgfältig umgesetzt werden. Dafür sind oft mehrere Schritte notwendig, die von Fall zu Fall unterschiedlich sein können.
In unseren Nachbarländern gibt es bereits eine Reihe von Beispielen, bei denen es auf diese Weise gelungen ist, über die Interoperabilität von Einzelsystemen integrierte IT-Lösungen zu schaffen. Zu den Beispielen gehören ein Kardiologie-Netzwerk in der Provinz Friesland in den Niederlanden und das Informationsnetzwerk der Universitätsklinik in Bordeaux in Frankreich. Diese und weitere Praxisbeispiele können auf der Website von IHE Europe eingesehen werden (www.ihe-europe.net/success_stories). Darüber hinaus haben verschiedene europäische Länder und Regionen IHE-Integrationsprofile zur inhaltlichen Grundlage von eHealth-Projekten gemacht, z. B. in Spanien und Österreich. In Deutschland sind IHE-Integrationsprofile ebenfalls bei verschiedenen Projekten zur Erstellung von elektronischen Akten berücksichtigt worden.
Insgesamt ist IHE also ein Erfolgsbeispiel für die Verbesserung des Informationsaustausches im Gesundheitssystem. Die technische Arbeit ist nach zehn Jahren intensiver Arbeit bereits weit fortgeschritten. Sie wird aber auf der Basis der Anregungen der Anwender ständig fortgeführt. Für die nächsten Jahre ist insbesondere in Deutschland ein noch stärkeres Interesse der Anwender an der praktischen Umsetzung zu wünschen, damit das Potenzial von IHE für die Verbesserung der medizinischen Versorgung ausgenutzt werden kann.