ehealth: Jahrbuch 2010


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Prof. Dr. Kuno Winn

Vorsitzender, Hartmannbund – Verband der Ärzte Deutschlands e. V.



 

Mangel oder „falsche Verteilung“ – Konzepte zur Bekämpfung des Ärztemangels

Das Thema ist aktueller denn je. Landarztquote, Abschaffung des Numerus clausus, mehr persönliche Auswahlgespräche: Nicht zuletzt mit seinen jüngst geäußerten Vorschlägen zu den Zulassungsvoraussetzungen beim Medizinstudium hat Bundesgesundheitsminister Dr. Philipp Rösler der Debatte um wirksame Maßnahmen gegen den Ärztemangel einmal mehr Zündstoff gegeben. Doch gibt es den Ärztemangel tatsächlich und wenn ja, welche sind die richtigen Wege aus dieser Krise?

Betrachtet man die reinen Zahlen, könnte man von ausreichend vorhandenen Ärzten in Deutschland ausgehen. Das jedoch wäre vorschnell geschlussfolgert. Denn zieht man die Tatsachen hinzu, dass zum Beispiel die demographische Bevölkerungsstruktur einen Mehrbedarf an ärztlichen Leistungen generiert und die zunehmende Zahl an Ärztinnen verstärkt eine ärztliche Tätigkeit in Teilzeitmodellen – und damit keine 100-prozentige Stelle – bedeutet, wird eines schnell klar: Wenn von einem Mangel an Ärzten gesprochen wird, dann ist das keine Wahnvorstellung. Wir reden von einem konkreten Problem, was allen voran die ländlicheren Regionen betrifft. Die Diskussion, ob dieser Umstand möglicherweise einer falschen Verteilung der Ärzte geschuldet ist, führt dabei wohl kaum zum Ziel. Es muss an dieser Stelle nicht explizit hervorgehoben werden, dass jeder das Recht hat und haben sollte, dort beruflich tätig zu werden, wo er das möchte – was natürlich auch für Ärzte gilt. Dass diese sich wie andere Berufsgruppen in höherem Maße in Ballungsgebieten „ansiedeln“, liegt nicht zuletzt an den positiven Standortfaktoren, sprich an den ökonomischen, kulturellen und infrastrukturellen Angeboten einer Stadt. So ist die „falsche Verteilung“ ganz allgemein indirekter Indikator für die Schwächen ländlicher Regionen und kein primär gesundheitspolitisches Phänomen.

An diesen Schwächen zu arbeiten, wäre ein wichtiger Weg aus der Krise. In dem Konzept „Als Arzt LANDen“ hat der Hartmannbund bereits vor über zwei Jahren darauf hingewiesen, dass zur Behebung des Ärztemangels in strukturschwachen Gebieten alle Beteiligten gefragt sind. Neben dem Gesundheitsministerium sind dies die Bundesländer, die Krankenkassen und Kassenärztlichen Vereinigungen und, mit Blick auf Wohnmöglichkeiten, Kindergartenplätze, Schulangebot etc., auch die Kommunen selbst.

Die Lockerung der Zulassungsvoraussetzungen oder die Erhöhung der Zahl der Medizinstudierenden sind am Ende – zumindest isoliert – keine geeigneten Maßnahmen zur Bekämpfung des Nachwuchsmangels. Das Problem liegt nicht in der zu geringen Zahl an Absolventen und Ärzten, sondern in der daran gemessen hohen Anzahl derjenigen, die entweder attraktivere Standorte zur Berufsausübung wählen (wozu häufig auch das Ausland zählt) oder sich sogar gegen die kurative Tätigkeit entscheiden. Aus Sicht des Hartmannbundes wären deshalb die bessere Vorbereitung auf den Beruf sowie die Erhöhung der Berufsattraktivität die wichtigsten Wege aus der Krise. Die Liste der Baustellen dafür ist lang: Angefangen von noch mehr Praxisbezug während des Studiums über eine höhere Wertschätzung der Medizinstudierenden im praktischen Jahr über eine realitätsorientiertere Weiterbildungsordnung und die Einhaltung des Arbeitszeitgesetzes hin zur Entlastung des Arztes von überbordenden bürokratischen und dokumentarischen Anforderungen. Darüber hinaus besteht noch viel grundsätzlicher Reparaturbedarf. Ursprünglich einmal Grundbausteine der ärztlichen Tätigkeit, müssen heutzutage bedauerlicher Weise immer wieder die Wahrung der Freiheit und Unabhängigkeit ärztlicher Entscheidungen zum Wohle der Patienten (Therapiefreiheit/Freiberuflichkeit), eine transparente Abrechnung und kalkulierbare Honorierung (vor allem auf dem Land wichtig!) und der besonderer Schutz des Arzt-Patienten-Verhältnisses eingefordert werden.

Um dem Ärztemangel wirksam zu begegnen, ist es höchste Zeit, an den Stellschrauben zu drehen, die den Arztberuf derzeit unattraktiv machen. Es muss den Beteiligten gelingen, die angehenden Mediziner von der Großartigkeit ihres ursprünglichen Berufswunsches zu überzeugen. Dabei darf eines nicht unter den Tisch fallen: die Möglichkeit einer Work-Life-Balance. Nie zuvor nämlich war es Ärzten so wichtig, ihre Lebens- und Arbeitswelt miteinander in Einklang zu bringen – sowohl in der Klinik als auch in der Praxis.