ehealth: Jahrbuch 2010


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Dr. Thomas Lipp

Mitglied im Geschäftsführenden Vorstand, Vorsitzender des Ausschusses Telematik, Hartmannbund – Verband der Ärzte Deutschlands e. V.



 

Mit oder ohne eGK: Erfolgreiche Ärztenetze und Vernetzungsprojekte

Die Zeit läuft weiter. Auch ohne das konkrete Vorantreiben des deutschen Telematik-Großprojektes bedeutet das für die meisten Ärzte, dass sie MIT dieser gehen. So sind elektronische Anwendungen oder zumindest deren Planungen längst keine Zukunftsmusik mehr. Im Gegenteil: Schaue ich in meine eigene Praxis und spreche mit meinen Kollegen, wird klar, dass sowohl Arbeitsabläufe als auch der fachliche Austausch unter Kollegen immer öfter auf elektronischer Basis stattfindet. Im Sinne einer Arbeitserleichterung ist das zweifelsfrei wünschenswert. Ob man allerdings dabei schon von erfolgreichen Ärztenetzen und Vernetzungsprojekten sprechen kann, ist fraglich.

Schnell gerät man in Versuchung, Dinge als Erfolg zu betrachten, die in der Realität eher Normalität bedeuten. Insofern wäre der beschriebene Austausch aus meiner Sicht per se kein Grund zum Jubeln. Vielmehr handelt es sich hierbei in erster Linie um die simple und sinnvolle Nutzung vorhandener Möglichkeiten. Beschäftigt man sich dann genauer mit dem Status quo und sucht nach darüber hinausgehenden Erfolgsstorys, wird man ganz schnell mit einer Reihe von Schwierigkeiten konfrontiert.

Betrachtet man etwa die Integrierte Versorgung (IV) als Ärztenetz, stelle ich eine wenig zufrieden stellende Akzeptanz innerhalb der Ärzteschaft fest. Das mag in der „staatlichen Note“ der IV begründet liegen, die zuweilen eher als Pflicht denn als Chance und vor allem eher als Kostendämpfungsinstrument denn als tatsächliche Strukturverbesserungsmaßnahme aufgefasst wird. Doch das soll an dieser Stelle nicht weiter thematisiert werden. Sinnvoller scheint es, die freiwilligen Verbünde genauer unter die Lupe zu nehmen. Diese basieren in der Regel auf einem gemeinsamen Verständnis der beteiligten Ärzte und werden deshalb grundsätzlich deutlich stärker mit Leben gefüllt. Dennoch: Ein elektronisch basiertes Erfolgsrezept ist mir bisweilen nicht bekannt. Im Gegenteil: Je intensiver man sich mit der Thematik befasst, desto mehr Probleme scheinen aufzutauchen. Diese betreffen sowohl die technische als auch die strukturelle/reglementarische Ebene. In Leipzig zum Beispiel haben sich niedergelassene Haus- und Fachärzte zusammengeschlossen, um die Optimierung der Patientensteuerung gemeinsam anzugehen. Konkret bedeutet das, dass der Hausarzt in enger Absprache mit den entsprechenden Fachärzten die Medikation des Patienten weitgehend übernehmen möchte. Da die Vergabe eines Gesamtbudgets für ein solches Ärztenetz seitens der Selbstverwaltung allerdings (noch) nicht möglich ist, scheitert das Projekt am Regressrisiko des Hausarztes. Aber auch in rein technischer Hinsicht funktionieren besagte Netze trotz aller guten Absichten nur schwierig: Der banale Austausch elektronischer Befunde misslingt deshalb häufig, weil die Hersteller entsprechende Schnittstellen nicht freigeben. Das ist abzulehnender Protektionismus. Es mangelt schlicht und einfach an der Kompatibilität der Systeme, die für das Funktionieren von Vernetzungsmodellen so notwendig ist. Zu guter Letzt steht auch die Finanzierung der technischen Aufrüstung mehr oder weniger in den Sternen. So sinnvoll und effizient die bereits entwickelten telemedizinischen Anwendungen sind, scheut verständlicherweise vor allem der NIEDERGELASSENE Arzt die Investition. Da die Kostenübernahme durch die Krankenkassen bzw. Kassenärztlichen Vereinigungen noch nicht gegeben ist, bedeutet dies ein weiteres finanzielles Risiko für die einzelne Praxis.

Diese drei Beispiele zeigen, dass noch viel zu tun ist, bevor von Erfolgen gesprochen werden kann. Allein die fehlende Kompatibilität, die der Hartmannbund auch auf dem diesjährigen Deutschen Ärztetag in Dresden noch einmal explizit eingefordert hat, zeigt am Ende, dass die vielen Insellösungen nur dann wirklich brauchbar sind, wenn sie untereinander vernetzbar sind. So sehr wir Ärzte uns für die modernen Möglichkeiten der Kommunikation im Arbeitsalltag interessieren, so sehr sind wir auch vom Funktionieren dieser abhängig. Wenn dies mit den Bedingungen, die die verfasste Ärzteschaft mehrfach formuliert hat (Datenschutz, keine Einschränkung der Arbeitsabläufe, Effizienzsteigerung etc.), nicht gegeben ist, liegen beständige Erfolge tatsächlich in ferner Zukunft. Dann wird es auch die eGK, die als Ticket zu einer barrierefreien Daten-Schifffahrt grundsätzlich zu begrüßen ist, um so schwerer haben. Mit der Zeit zu gehen erfordert eben die Akzeptanz von Innovationen bei allen Beteiligten ...