ehealth: Jahrbuch 2010


null

Dr. med. Carsten Drews, MPH/AUS, MHA/New South Wales

Geschäftsbereichsleiter Unternehmensberatung und Betriebsplanung, HWP Planungsgesellschaft mbH, Stuttgart



 

Krankenhausplaner planen keine Krankenhäuser – sie planen Gesundheitsdienstleistungen der Zukunft

Das Bild des Krankenhauses als vornehmlich starre und auf seine Rolle als physischer Baukörper reduzierte „Gesundheitsfabrik“ entspricht schon seit langem nicht mehr der Wahrnehmung in der Moderne. Zunehmend definiert sich das Krankenhaus über den Wert und Umfang seiner wertschöpfenden Dienstleistungsprozesse am Patienten. Dieser Paradigmenwechsel reißt Mauern ein – und dies ist nicht nur bildlich zu verstehen.

War seit jeher die Arbeitswelt des Krankenhauses durch eben diese Mauern begrenzt, ist die moderne Krankenhauswelt geprägt durch sektorenübergreifendes Handeln aller am Dienstleistungsprozess beteiligten Leistungserbringer. In diesem Zuge haben Charakteristika wie sektorenübergreifendes Handeln, Integration verschiedener Krankenhäuser in Netzwerkstrukturen oder die am gesamten Lebenszyklus des Patienten ausgerichteten Angebotsstrukturen unsere Definition des Krankenhauses grundlegend verändert. Das Krankenhaus der Moderne ist weniger ein als Baukörper definiertes Konstrukt, sondern entwickelt sich zunehmend zu einem virtuellen Konzept.

Doch was bedeutet dies für den Planungsprozess und die daran beteiligten Akteure? In einer sich wandelnden Krankenhauswelt muss sich per definitionem auch der Krankenhausplaner neu orientieren. In einer auf die Dienstleistungsprozesse orientierten Planung tritt die rein konzeptionelle Gebäudeplanung nicht mehr allein auf. Sie muss sich in ihrem Umfang erweitern, um den Anforderungen an die Krankenhausplanung gerecht werden zu können. Hierbei zeichnen sich vor allem zwei grundlegende Planungsfelder als zunehmend bedeutend ab: Die evidenzbasierte Planung und die integrierte Planung.

Medizinisches wie auch pflegerisches Handeln muss sich in einer evidenzbasierten Welt zunehmend auf eine nachgewiesene Wirksamkeit stützen können. Evidenzbasierte Medizin braucht daher vor allem auch eine evidenzbasierte Krankenhausplanung. Dies bedeutet, dass der Planer ein deutlich größeres Gewicht auf die Erstellung vor-architektonischer Leistungen wie die betriebliche Raum- und Funktionsplanung auf Basis eines nachzuweisenden Bedarfes legen muss. Der „Business Plan“ im Krankenhaus hat dabei ein nicht allein auf die Ökonomie ausgerichtetes Momentum, er ist die Basis für eine evidenzbasierte Planung. Das in der Mikroökonomie verwendete Prinzip der Marginalkostenrechnung findet sein Pendant in der Planungswelt in einer „Marginalprogrammierung“, bei der die Programmierung von Raumressourcen die Frage beantworten können muss, ob inkrementelle Veränderungen letztendlich einen nachweisbaren Nutzen für den Dienstleistungsprozess bewirken können.

Der Bedarf für eine integrierte Planung stützt sich letztendlich auf eine zunehmende organisatorische und technische Komplexität von Dienstleistungsstrukturen im Gesundheitswesen. Diese Komplexität wird verstärkt durch die sich immer weiter verkürzende Halbwertszeit medizinischen Wissens und medizinischer Technologien. Folge ist die immer höhere Anforderung an die Flexibilität von Planungslösungen im Krankenhaus. Nicht mehr die punktgenaue Definition einer optimalen Lösung steht im Mittelpunkt, sondern die Schaffung variabler, anpassungsfähiger Strukturen, die auch unerwarteten Veränderungen „trotzen“ soll. Planungslösungen mit einer hohen Reaktionsgeschwindigkeit auf aktuelle Veränderungen im Dienstleistungsumfeld können dabei nicht mehr durch einen „Krankenhausplanungsspezialisten“ entwickelt werden.

Moderne Krankenhausplanung braucht das Zusammenwirken eines multidisziplinären Planungsteams in allen Phasen des Planungsprozesses, die weit über die Einbindung von Nutzergruppen in der Initialphase eines Projektes hinausgeht. Diesen Weg zu beschreiten wird das Ziel moderner Planungsbüros sein müssen.