ehealth: Jahrbuch 2010


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Dr. Georg Schütte

Staatssekretär, Bundesministerium für Bildung und Forschung



 

Was kann Forschung zu einer effektiven regionalen Vernetzung des Gesundheitswesens beitragen?

Der demografische Wandel stellt das Gesundheitswesen in Deutschland vor große Herausforderungen. Die steigende Lebenserwartung, die zunehmende Bedeutung von Volkskrankheiten und die vermehrte Nachfrage nach Gesundheitsdienstleistungen erfordern innovative Ansätze in der Gesundheitsversorgung. Diese können vor allem dann entstehen, wenn Menschen aus unterschiedlichen Fachdisziplinen, Branchen und Sektoren des Gesundheitssystems über traditionelle Grenzen und Schranken hinweg zusammenwirken und gemeinsam an einem Ziel arbeiten.

Die Erfahrungen aus international besonders erfolgreichen gesundheitswirtschaftlichen Modellen zur Innovationsförderung zeigen, wie wichtig eine enge, oft regional fokussierte Vernetzung aller am Innovationsprozess beteiligten Akteure ist. In Deutschland war die Wertschöpfungskette in der Gesundheitswirtschaft bislang stark in Forschung, Entwicklung und Verwertung fragmentiert. Mittlerweile verfolgen immer mehr Akteure integrative Ansätze, um die regional vorhandenen Innovationspotenziale in Wissenschaft, Wirtschaft und Gesundheitsversorgung optimal zu nutzen. Hier setzt der Wettbewerb „Gesundheitsregionen der Zukunft – Fortschritt durch Forschung und Innovation“ an, den das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) Anfang des Jahres 2008 bekanntgegeben hat.

BMBF fördert Innovationen durch Vernetzung
Verschiedene Förderaktivitäten des BMBF unterstützen die spezifische Vernetzung in der Gesundheitswirtschaft. Prominente Beispiele dafür sind die Spitzencluster, die im Rahmen des themenoffenen Spitzencluster-Wettbewerbs des BMBF prämiert wurden. Ziel des Wettbewerbs ist eine nachhaltige Stärkung bestehender regionaler Cluster aus Wissenschaft und Wirtschaft. In den ersten beiden Wettbewerbsrunden wurden drei Spitzencluster aus der Gesundheitswirtschaft ausgezeichnet: der Biotechnologie-Cluster BioRN in der Metropolregion Rhein-Neckar, das Münchener Biotech-Cluster m4 und die Medical Valley Europäische Metropolregion Nürnberg. Auch im Cluster MicroTEC Südwest sind Innovationen aus der Medizintechnologie ein wichtiger Schwerpunkt.

Der BMBF-Wettbewerb „Gesundheitsregionen der Zukunft“ greift den Gedanken, regionale Innovationspotenziale in dauerhafte Wertschöpfung umzusetzen, gezielt für die Gesundheitswirtschaft auf. Daher ist bei diesem Wettbewerb die regionale Erprobung der Produkt- bzw. Prozessinnovationen ein wesentlicher Bestandteil des Konzepts. Die Beteiligten müssen aufzeigen, wie durch die anschließende Implementierung der entwickelten Innovationen ein Beitrag zur Steigerung der Qualität und Effizienz der Gesundheitsversorgung geleistet werden kann.

Für den Wettbewerb „Gesundheitsregionen der Zukunft“ hat das BMBF mehr als 40 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Ausgezeichnet werden Gesundheitsregionen, die in ausgewählten Innovationsfeldern „Leuchtturm-Charakter" für Deutschland haben: Hochinnovative eigene Entwicklungen sollen erstmals in der Region erprobt und die dabei gewonnenen Erkenntnisse und Ergebnisse für andere Regionen nutzbar gemacht werden. In einer ersten Auswahlrunde im Jahr 2008 wählte eine interdisziplinär besetzte Experten-Jury aus 85 Antragsskizzen die vielversprechendsten zwanzig Konzepte aus. Anschließend hatten die Gesundheitsregionen Gelegenheit, ihre Konzepte – unterstützt durch eine BMBF-Förderung – detailliert auszuarbeiten.

Bis April 2010 wählte die 18-köpfige Jury aus den 20 ausgearbeiteten Konzepten die fünf innovativsten und überzeugendsten als Gewinner des Wettbewerbs „Gesundheitsregionen der Zukunft“ aus. Jede Gewinnerregion fördert das BMBF mit rund 7,5 Millionen Euro über vier Jahre. Die gleiche Summe muss aus Eigenmitteln der Region aufgebracht werden. Diese Bündelung der Kräfte von Bund und Regionen gewährleistet die Nachhaltigkeit der Konzepte.

BMBF-Wettbewerb „Gesundheitsregionen der Zukunft“: Die fünf Gewinner
Die Gesundheitsregion REGiNA im Raum Neckar-Alb und Stuttgart fokussiert auf die regenerative Medizin, die sowohl national als auch international zu den wichtigsten medizinischen Zukunftsfeldern gehört. Im Mittelpunkt steht die Entwicklung und Anwendung von zellbasierten Verfahren zur Heilung von erkrankten oder zerstörten Geweben und Orga nen. REGiNA arbeitet dabei an vier bedeutenden Krankheitsbereichen: dem Muskuloskelettalsystem, dem Haut- und Wundsystem, dem Herz-Kreislauf- und Atemwegs- sowie dem Urogenitalsystem. Ziel ist es, die innovativen Therapieverfahren möglichst rasch in die klinische Routine zu integrieren. Dazu soll als Kernelement des prämierten Konzeptes ein Anwenderzentrum aufgebaut werden. Dort werden innovative Produkte und Prozesse in der Praxis erprobt und testweise in die Gesundheitsversorgung eingeführt.

Auch die Gesundheitsregion FONTANE in Nordbrandenburg wurde für ihre zukunftsweisenden Strategien ausgezeichnet. Nordbrandenburg steht vor einer großen Herausforderung: Bis 2030 nimmt die Bevölkerung von derzeit rund 520.000 Einwohnern voraussichtlich um rund 20 Prozent ab, das Durchschnittsalter wird in dieser Zeit deutlich ansteigen. Schon jetzt liegt die Sterblichkeitsrate für Herz-Kreislauferkrankungen in Nordbrandenburg zum Teil um 40 Prozent über dem Bundesdurchschnitt. Die Gesundheitsregion fokussiert deshalb auf die Verbesserung der Betreuungsqualität für Patienten mit Herz- Kreislauf-Erkrankungen. Dazu wird FONTANE Hausärzte durch den Einsatz von Telemedizin unterstützen. Telemedizinische Strukturen werden entwickelt und in kontrollierten Studien getestet. Dabei sollen technische Neuentwicklungen durch innovative Versorgungsansätze begleitet werden. Auch andere strukturschwache Regionen in Deutschland und Europa können von den neuen Strukturen profitieren.

Die Gesundheitsregion Ostseeküste um die Universitäten Greifswald und Rostock will mit ihrem Konzept HIC@RE (Health, Innovative Care and Regional Economy) modellhaft für Deutschland zeigen, wie die Ausbreitung multiresistenter Erreger erfolgreich eingedämmt werden kann. Bakterien, die auf eine Vielzahl von Antibiotika nicht mehr ansprechen,werden in Deutschland bei der Behandlung von älteren oder chronisch kranken Patienten zu einem zunehmend größeren Problem. Verantwortlich hierfür ist vor allem der unkritische Einsatz von Antibiotika. Die Gesundheitsregion will ein regionales Interventionsmanagement entwickeln und implementieren sowie auf Grundlage nachweisbarer und gesundheitsökonomisch effizienter Kriterien die Umsetzung der bestehenden gesetzlichen Regelungen des Infektionsschutzes stärken.

Psychische Erkrankungen gehören zu den häufigsten Krankheiten weltweit und sind oft Ursache für persönliche und gesellschaftliche Tragödien. Die ökonomischen Folgeschäden, z. B. durch eine hohe Zahl von Arbeitsunfähigkeitstagen, nehmen zu. Hier setzt die GesundheitsMetropole Hamburg mit ihrem Netzwerk psychische Gesundheit an. Die Gewinnerregion will die psychische Gesundheit der Hamburger Bevölkerung fördern. Dazu wird sie Aufklärung und Bildung verbessern, die betriebliche Gesundheit fördern und die aktive Beteiligung von Betroffenen und deren Angehörigen stärken. Psychische Erkrankungen sollen früh erkannt und nachhaltig behandelt werden. Dazu werden Diagnostik, Indikationsstellung und Therapie verbessert und neue Versorgungsstrukturen entwickelt.

Die Metropolregion Rhein-Neckar – Raum für Gesundheit mit den Zentren Mannheim und Heidelberg fördert die aktive und selbstbestimmte Beteiligung der Patienten am Versorgungsgeschehen. Hierfür bündelt die Region ihre herausragende Kompetenz in den Bereichen Informationstechnologie, Lebenswissenschaften und Gesundheitsversorgung. Durch die regionale Vernetzung von Leistungserbringern und die Zusammenführung von Behandlungsdaten in einer patientengeführten elektronischen Akte soll insbesondere die Versorgung chronisch kranker Patienten verbessert werden. Unterstützt wird dieses Konzept durch ein softwarebasiertes Einzelfall-Management und ein Arzneimittel-Therapie-Sicherheitssystem. Eine Datenbank ermöglicht darüber hinaus ein kontinuierliches regionales Gesundheitsmonitoring.

Begleitforschung zu Gesundheitsregionen
Die unterschiedlichen Konzepte der Gewinner des BMBF-Wettbewerbs „Gesundheitsregionen der Zukunft“ zeigen, dass es keine Standard-Gesundheitsregion gibt, sondern vielmehr ein breitgefächertes Bündel an thematisch und strukturell zukunftsweisenden Konzepten. Aufgrund der großen ökonomischen und gesellschaftlichen Bedeutung der Gesundheitswirtschaft wird das BMBF ein Forschungsvorhaben fördern, das Faktoren für eine erfolgreiche Entwicklung von Gesundheitsregionen untersucht. Mit dem Forschungsprojekt sollen möglichst viele Gesundheitsregionen, auch solche, die nicht zu den Gewinnern des Wettbewerbs gehören, auf ihrem Entwicklungsweg unterstützend begleitet und analysiert werden. Die Ergebnisse des Begleitforschungsprojekts sind nicht nur für die Akteure aus den Gesundheitsregionen von erheblichem Interesse. Sie werden auch den Verantwortlichen in Gesundheitsversorgung und -wirtschaft wichtige Informationen für zukünftige Entscheidungen liefern.

Ausblick
Schon jetzt wird deutlich, dass die gemeinsame Arbeit an den Konzepten in den am BMBF-Wettbewerb „Gesundheitsregionen der Zukunft“ beteiligten Regionen die Kooperation der Akteure intensiviert und erhebliches Innovationspotenzial mobilisiert hat. Dies ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Stärkung der deutschen Gesundheitswirtschaft und zur Verbesserung der Versorgung von Patientinnen und Patienten. Forschung ist dabei Ausgangspunkt für innovative Lösungen. Um die guten Ideen in Produkt- und Prozessinnovationen umsetzen zu können, ist eine Vernetzung der Akteure über die gesamte Wertschöpfungskette notwendig. Dazu müssen traditionelle Grenzen, auch zwischen den Sektoren des Gesundheitssystems, überwunden werden. Die vom BMBF prämierten „Gesundheitsregionen der Zukunft“ werden in den kommenden vier Jahren zeigen, wie Prozesse und Strukturen im Gesundheitswesen durch Forschung und Entwicklung beeinflusst und verändert werden können.