ehealth: Jahrbuch 2010


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Sang-Il Kim

EMEA Sales Manager, InterComponentWare AG (ICW)



 

Eindeutige Patientenidentifikation im Krankenhaus

Bei einer Krankenhauseinweisung oder einem Krankenhausaufenthalt spielt die Personenidentifikation eine wesentliche Rolle. Zahlreiche medizinische und administrative Folgeprozesse beruhen auf den bei der Aufnahme erhobenen Stammdaten. Ineinandergreifende Informationsflüsse sind daher für einen reibungslosen Krankenhausablauf essenziell. Beispielsweise kann die Planung einer Röntgenuntersuchung nicht beendet werden, wenn die Abrechnungs- oder Fallnummer nicht vorliegt. Anforderungen aus verschiedenen Krankenhaus-Organisationseinheiten wie stationäre Abteilungen oder klinische Funktionseinheiten und der Einsatz spezialisierter IT-Systeme wie ERP-, LIS-, RIS- oder Bettenplanungssystemen führen dazu, dass Patientenstammdaten in verschiedenen Systemen in unterschiedlicher Form vorliegen. Dies erschwert die eindeutige Patientenidentifikation und ist oft Ursache für Mehrfacherfassungen und Fehler. Zusammenschlüsse von Kliniken, arbeitsteilige Leistungserbringung im Verbund und sektorübergreifende Zusammenarbeit erhöhen die Komplexität und lassen im Behandlungsverlauf eine Vielzahl weiterer Identifikatoren (Patienten-, Fallnummern) zu einem Patienten zu verschiedenen Zeitpunkten entstehen.

Bindeglied zwischen Prozessen und IT
Für zahlreiche Krankenhäuser ist die eindeutige Identität bereits heute das Bindeglied zwischen administrativen und klinischen Prozessen sowie den IT-Systemen. Diese Identität kann patientenbezogen sein (z. B. eine Patientennummer in einem LIS oder RIS). Sie kann aber auch fallbezogen sein. Fallnummern werden sehr häufig benutzt, da sie vor allem für den späteren Abrechnungsprozess relevant sind. Mit der Fallnummer ist in der Regel ein bestimmter Patient referenziert. Solange jeder Patient in jeder Organisation nur einen Fall hat, können beide Identifikatoren gleichwertig benutzt werden. Sobald jedoch ein Patient mehrere Fälle hat, ist eine eindeutige Zuordnung nicht mehr gegeben. Selbst bei einem einzigen Klinikaufenthalt können mehrere Fallnummern zu einem Patienten generiert werden, z. B. wenn der Patient ambulant und stationär abgerechnet werden muss. Die Fallnummer gewährleistet, dass alle abrechnungsrelevanten Informationen zusammengehalten werden, nicht aber unbedingt, dass alle patientenbezogenen Informationen, die in verschiedenen IT-Systemen abgelegt sein können, zusammengeführt werden. Ein eindeutiger Patientenidentifikator ist daher für die klinikweiten Prozesse und vor allem klinikübergreifend sehr wichtig.

Das Ziel, entlang des gesamten Behandlungspfads und über Systemgrenzen hinweg eine übergeordnete, eindeutige Patientenidentität zu schaffen, kann durch einen Master Patient Index (MPI) erreicht werden. Er ist die notwendige Basis-Infrastrukturkomponente für die Konsolidierung und den Austausch administrativer und medizinischer Daten - sowohl innerhalb als auch zwischen stationären und ambulanten Einrichtungen. Er ist zentraler Baustein jeder zukunftsgerichteten eHealth-Strategie einer Organisation und zugleich der Schlüssel für elektronische Mehrwertdienste in Richtung Patienten.

Funktionsweise eines Master Patient Index
Der MPI verknüpft Patientenstammdaten aus unterschiedlichen Systemen über einen sogenannten Referenz-Patienten. Er erstellt dafür von jedem Patienten eine eindeutige Referenzidentität und verlinkt die Identifikatoren der patientenführenden und patientenaufnehmenden Systeme. So wird sichergestellt, dass jeder Patient im Krankenhaus eindeutig identifiziert werden kann. Dafür werden Patientenstammdaten und Patientenidentifikatoren aus den einzelnen Systemen der angeschlossenen Häuser aufgenommen, miteinander verglichen und verarbeitet. Der Abgleich erfolgt - wenn immer möglich - automatisch über standardisierte Schnittstellen. Je nach eingesetzter MPI-Lösung passiert dies über einfache deterministische oder komplexe probabilistische Algorithmen, die eine manuelle Zuordnung von Daten auf ein Minimum reduzieren. Kann die MPI-Applikation zwischen den Stammdatensätzen keine ausreichend eindeutige Zuordnung automatisch generieren, muss eine Clearingstelle im Krankenhaus dies vornehmen. Die Mitarbeiter der Clearingstelle entscheiden, ob ein vorliegender Patientenstammdatensatz einem anderen ähnlichen Datensatz zugeordnet werden kann, oder ob man dafür noch weitere Informationen einholen muss.

Ein Beispiel: Sind in den angeschlossenen IT-Systemen z. B. zwei Patientinnen mit demselben Vornamen, Geburtsdatum und der gleichen Adresse aber unterschiedlichem Nachnamen vorhanden, nimmt der Mitarbeiter der Clearingstelle Kontakt mit der behandelnden Fachabteilung auf und klärt ab, ob sich der Familienstand der Patientin in der Zwischenzeit geändert hat. Der Clearing-Prozess ist ein notwendiger Schritt in Richtung Erhöhung der Datenkonsistenz und -qualität.

Für den automatisierten Abgleich stellt die internationale Initiative IHE (Integrating the Healthcare Enterprise) im Rahmen des Regelwerks für die Domäne IT-Infrastruktur unter anderem das Integrationsprofil PIX (Patient Identifier Cross-Referencing) und PDQ (Patient Demographic Query) zur Verfügung. Das PIX Integrationsprofil beschreibt detailliert den Umgang mit Patientenidentifikatoren in großen Gesundheitsinstitutionen mit heterogenen Informationssystemen und unterschiedlichen Nummernkreisen. Dabei identifiziert und verknüpft ein sogenannter Patient Identifier Cross-Reference Manager auf Basis von HL7 Nachrichten die Patientennummern in den unterschiedlichen Systemen. Das PDQ Integrationsprofil dient der Recherche nach patientenbezogenen Daten über z. B. den Vor- und Nachnamen aus den an den MPI angebundenen Systemen heraus. So kann auch bei unvollständigen Angaben eine Liste zutreffender Patientenstamm- und -falldaten abgefragt werden. Aus dieser Liste können dann die Daten des zutreffenden und ausgewählten Patienten übernommen werden.

Nutzen einer eindeutigen Patientenidentität
Eine Reihe von Nutzenargumenten sprechen für eine eindeutige Patientenidentifikation. Sie optimiert die Prozessqualität im Krankenhaus über alle IT-Systeme hinweg. Im Bereich der administrativen Prozesse erhält man eine bessere Gesamtsicht auf die Fall- und Abrechnungsdaten, bei den medizinischen Prozessen eine verbesserte konsolidierte Sicht auf alle relevanten Daten eines Patienten aus verschiedenen IT-Systemen. Doppelanlagen von Patientenakten werden so vermieden. In der Konsequenz kann das auch bedeuten, dass unnötige diagnostische oder therapeutische Maßnahmen, Fehl- oder Doppelmedikationen reduziert werden. Risiken der Patientenverwechslung werden verringert, die Patientensicherheit erhöht.

Eine eindeutige Patientenidentität im Krankenhaus vereinfacht wesentlich den Datenaustausch mit externen Zuweisern und Nachsorgeorganisationen. So könnte z. B. ein Krankenhaus anderen Gesundheitsdienstleistern relevante medizinische Daten in einer elektronischen Patientenakte zur Verfügung stellen. Denkbar wäre auch, dass diese Gesundheitsdienstleister wiederum dem Krankenhaus Informationen wie Vorbefunde verfügbar machen.

Eine eindeutige Patientenidentität eröffnet Krankenhäusern ferner die Möglichkeit im Bereich integrierter Versorgungsmodelle zusätzliche Serviceleistungen anzubieten. Beispiele dafür sind die Versorgung chronisch kranker Patienten oder die integrierte Tumorbehandlung. Ein weiterer möglicher Mehrwertdienst stellt die Bereitstellung aller im Krankenhaus erhobenen medizinischen Daten für den Patienten dar. Zu diesem Zweck müssen alle relevanten Daten eines Patienten konsolidiert z. B. über eine persönliche Gesundheitsakte abrufbar sein. So wird auch der Patient endlich in die Lage versetzt, seine Gesundheit selbst aktiv steuern und verwalten zu können.